Das Anna-Universum

 

 

 

 

Vor unserem ersten Blickkontakt hatte sie mich schon längst in ihren Bann gezogen, denn kennen gelernt hatte ich Anna längst aus den Erzählungen ihrer Großnichte Karin. Karin ist jung, hübsch, frisch und im Gespräch versorgt sie ihr Gegenüber mit guter Laune, kleinen elektrisierenden Berührungen und einem Lachen, das unwiderstehlich ist. 

Anna lebt nicht mehr. Sie war schon zehn Jahre tot als ich von ihr hörte. Was mir Karin erzählte, gefiel mir gut. Ich fragte und sie antwortete, erzählte mir Geschichten und Anekdoten aus dem Leben Anna. Dazu bekam ich Fotos zu sehen und durfte auch mal in der Post lesen. 

 

Anna ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Sie wurde fast 100 Jahre alt. Zuletzt musste sie gepflegt werden. Aber fast die ganze Zeit lebte sie in ihrem eigenen Haus, einem winzig kleinen Haus aus roten Sandsteinen mit einer Außentreppe, die in die Wohnung aus drei kleinen Zimmern im ersten Stock führte. Unten war der gemauerte Teil praktisch ohne Fenster und konnte nur als eine Art Lager oder als Ziegen- oder Hühnerstall genutzt werden. 

Man kommt in die Wohnung hinein durch einen winzigen Flur und steht dann in einen kleinen Vorraum, den Anna als Küche benutzt hat. Es gab einen Wasserstein, also so ein altes, großes Waschbecken an einer Wand, einen Herd und einen kleinen Schrank, in dem das bisschen Geschirr war, das Anna besaß. 

 

Heute ist das alles umgebaut. Aus Annas Haus wurde die AnnaHaus Galerie. Bei Anna muss es gemütlich gewesen sein. Das strahlt das Haus heute noch aus. Alles ist krumm und schief. Die Decken sind so niedrig, dass man Angst hat, sich den Kopf zu stoßen. Ich nicht, weil ich bin so groß oder so klein wie Anna. 

Zwischen den Zimmern sind kleine Absätze, so hat man damals eben gebaut. Das Haus sieht aus wie eine Puppenstube. Die kleinen Fenster sind einfach so in die Wände gesetzt. Die Flügel unterteilt mit Sprossen, ganz schmale, hölzerne Fensterbretter, alles schön weiß lackiert. 

Anne hat ihr Haus in Schuss gehalten, solange sie konnte. Das kleine Grundstück drum rum war gepflegt und es gab Blumen und ein paar Gemüsebeete. 

 

Direkt neben der Treppe steht ein Holunderbusch. Holunder ist der heilige Baum der germanischen Göttin Freya, die man in den Märchen in unserer Frau Holle verwandelt hat. Frau Holle, die Nette und Gute, die es mit ihrem Betten-Aufschütteln in unserer Welt schneien lässt, die aber das faule Mädchen dann bestraft, in dem es mit Pech beregnet wird. Freya war die Frau von Donar und zuständig für Fruchtbarkeit, die der Erde, aber auch der Menschen.

War Anna eine Dienerin der Freya, oder gar Frau Holle selbst?

 

Anna war ihr Leben lang allein geblieben. Sie hat das winzige Haus mit keinem Mann geteilt. Zumindest nach dem was wir wissen. Einmal scheint es einen Mann in ihrem Leben gegeben zu haben. Von ihm gibt es ein Foto aus den 30er Jahren, da guckt er durch eine runde Brille und mit nach hinten gekämmten Haar ein wenig langweilig. Außerdem gibt es ein Postkarte, die er an Anna geschrieben hat. Er erwähnt einen Besuch im Sommer, aber weitere Besuche wird es wohl nicht geben. Irgendwie sind die Umstände dagegen, Krieg und all so was

Diese Geschichte ist also nur aus Bruchstücken zusammen gestückelt, wie es wirklich war – wir wissen es nicht. Jedenfalls gab es sonst keine Männer, von denen wir wissen.

 

Allein und traurig war Anna trotzdem nicht. Sie hat ein tüchtiges Leben geführt. Immer ihr eigenes Geld verdient und auf den Fotos sieht ihr Gesicht nicht so aus, dass man denkt, sie hätte nie gelacht. 

 

Von ihrer Arbeit gibt es Fotos. Eines, da steht sie mit einer riesigen Sense im Feld. Sie hat eine Schürze vorgebunden und die Haare unter einem Kopftuch. Die Sense ist deshalb so riesig, weil es eine Kornsense ist, mit der man das Getreide mäht. Eine harte Arbeit im Sommer, die eigentlich die Kraft von einem Mann braucht. Anna lacht in die Kamera und hat schon einiges gemäht. 

 

Eine Familie, mit der Anna verbunden war, hatte eine Bäckerei und im Laden wurde auch manches Andere verkauft, was man so zum Leben braucht. Anna hat im Haushalt geholfen und sich um die Tochter gekümmert. Dem Mädchen war Anna besonders zugetan. Weil in dem Geschäft viel zu tun war, konnte sich niemand aus der Familie so richtig um die Kleine kümmern. Also hat Anna sie mit zu sich nachhause genommen, wenn sie mit der Arbeit dort fertig war. 

 

Überhaupt waren immer viele Kinder zu Besuch bei Anna. Sie hat Kuchen gehabt oder Bonbons. Man konnte dort in dem ersten Zimmer auf einer sehr großen, sehr weichen Couch sitzen. Anna war da. Manchmal lief das Radio, sonst haben sie miteinander gesprochen. Das war so gemütlich. Anna hat Tee gemacht oder heiße Milch oder sogar Kakao. 

 

Am Anfang fand ich die Frisur von Anna eigenartig. In den 1960er Jahren hat sie sich eine Art Beehive-Frisur zugelegt und ist dabei geblieben. Auf manchen Fotos sieht es so aus, als hätte sie ein Kissen in der Farben von Nylon-Strümpfen auf dem Kopf und ihre Haare darüber gekämmt. Das wirkt schon ein bisschen schräg. 

Anna ist halt konsequent bei einer Frisur geblieben, die ihr gefallen hat. Sie wollte sich vielleicht nix Neues überlegen und auch nicht so aussehen, wie die anderen Frauen in ihrem Alter. Anna hat gemacht, was sie wollte. Hat ihr keiner drein zu reden. 

 

Hübsch war Anna nie. Das wusste sie auch. Nicht hübsch zu sein und es zu wissen, kann zu sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen führen. Es gibt Menschen, für die ist es schlimm nicht hübsch zu sein und ihre Leben und trachten richtet sich danach aus. Sie haben das Gefühl weniger geliebt zu werden und das versuchen sie auf die eine oder andere Weise zu kompensieren. Manche trauern ihr ganzen Leben. 

Die Glücklichen dagegen nehmen an, was ihnen gegeben wurde. Sie leben wie sie sind. So ein Typ war Anna. 

 

Das hintere Zimmer, das mit den vier kleinen Fenstern, eigentlich das hellste, war auch das kälteste, so wurde es auch das kalte Zimmer genannt. Hier hat Anna geschlafen. Weil es nix mehr gibt von Anna, weiß man auch nicht, was sie für ein Bett gehabt hat. Ich habe eines gemalt für sie. So ein Metallbett, mit weißer Tusche auf durchsichtigen schwarzen Stoff, so dass es aussieht wie ein Geisterbett. 

Dazu gibt es noch eine ganz kleine Stickerei von den betenden Händen von Dürer. Nicht, dass ich wüsste oder denke, dass Anna besonders religiös gewesen wäre. Das Bild hing ja in allem möglichen Ausführungen in so vielen Haushalten in den 60ern, so eine Art Talisman. 

Im Winter war es im kalten Zimmer vermutlich zu kalt zum Schlafen und dann hat Anna in dem mittleren Zimmer geschlafen, oder vielleicht auch vorne auf der großen Couch. 

 

Man weiß nicht, welche Kunst Anna besaß. Ob sie überhaupt Kunst besaß. Auf den Fotos von ihr in der Wohnung ist kein Bild drauf. Aber man sieht nicht jede Stelle der Wohnung. Sicher hatte sie Bilder, vielleicht eine Landschaft, oder ein Portrait. 

 

Bei meiner Ausstellung in der AnnaHaus Galerie habe ich zusammen mit Karin ein bisschen im Dachboden gestöbert. Also der Dachboden, das ist eine kleine Dachkammer, die aber auf der gleichen Ebene liegt, wie die Wohnung. Gleich im Eingang gibt es eine Holztür, hinter der ist das Klo. Aber wirklich nur ein Klo, sonst nix. Ein klitzekleiner Raum, grad genug Platz, um sich hinzusetzen. Hände waschen muss man draußen. Und die andere Wand im diesem Klo ist noch eine Tür, die geht dann in die Dachkammer. Dort haben wir uns also umgeguckt. Ist auch schon aufgeräumt, eigentlich, aber es stand dort ein altes Radio. So ein Monstrum von Musik-Anlage auf vier schrägen Beinen mit Messingtellern drunter. Außer dem Radio gab es auch einen Plattenspieler und der Lautsprecher ist hinter den dünnen Rippen mit einem verblichenen gemusterten Stoff bezogen. 

Irgendwie ist das Ding ein bisschen aus dem Lot, aber wir trauen uns und stecken den gefährlich wirkenden Stecker in die Dose. Das grüne magische Auge erwacht und nach kurzer Zeit nähern sich die Balken. Es kommt Musik aus dem Ding. 

Aber von einem Nachbarn, der die Ausstellung später besucht, erfahren wir, dass es nicht Annas Radio war, sondern das von einem alten Herrn. Wie es hierher gekommen ist und warum – keiner weiß. 

 

Auch eine andere Ausstellungs-Besucherin erzählte etwas von Anna. Sie hat als Kind Anna besucht. Das Couch war riesig und ‚wuppig’. Man konnte minutenlang weiterwippen, wenn man sich drauf gesetzt hat. So Dinger kennt man heute nicht mehr. Wie auf einem Schiff fühlt man sich. 

 

Viele Besucher, die gekommen sind, kannten Anna. Sie war beliebt, eine nette Nachbarin, die Familie lebt noch in dem kleinen Ort und auch ihr Grab ist dort. Ein wenig fühl ich mich, als hätte ich Anna gekannt. 

 

Zum Schluss der Ausstellung kam ein Großneffe, der einen Film mitbrachte, auf dem man Anna sehen konnte. Ich konnt’s kaum glauben – Anna life! Das war ganz toll. Anna in einem Kostüm, mit Handtasche auf dem Schoß sitzt bei den Verwandten auf dem Balkon. Die Sonne scheint, die Kinder rennen rum, man unterhält sich. Dann ruft Anna die Kuider zu sich, gibt ihnen Bonbons aus der Handtasche und spricht mit ihnen. 

Als sie später merkt, dass man sie filmt, wird sie ziemlich fuchsig. Sie will das nicht. Scheinbar will sie nicht auf Film. Auf den Fotos sieht sie auch immer ein wenig so, dass man denkt, sie will nicht fotografiert werden. 

Ein frühes Foto, wo sie mit Freundinnen zusammen im Schatten eines Baumes sitzt, da lacht sie in die Kamera. Da ist sie glücklich. Das will ich von Anna im Kopf behalten. 

 

 

Walter B. Brix

 

 

 

 

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